Donnerstag, 27. Oktober 2016

Literarische Porträts Teil 1 - Connie Palmen

Seit ich lesen kann, bin ich eine Leseratte. Die Dame in der Stadtbücherei sah mich wegen meiner Stapel, die ich regelmäßig weg trug, oft fragend an: "Lest du des alles a wirklich?" - Ja, hab' ich - verschlungen habe ich die gesamte Kinder- und Jugendbibliothek. Fand verbotene Bücher in den spärlich bestückten Schränken im Elternhaus, lugte mit elf in die Erwachsenenabteilung... 

Heute werde ich immer noch nervös, wenn der Bücherstapel neben meinem Bett zu niedrig wird, habe mich selber am Bücherschreiben versucht und hege besondere Beziehungen zu Autorinnen und Autoren, denen ich noch nie persönlich begegnet bin und die mich trotzdem mit ihren Sätzen und Geschichten zum Nachdenken und auch zum Weinen gebracht haben.

“They were involved in that awkward procedure of getting to unknow each other.” 

John Irving, „The World According to Garp


John Irving ist das Paradebeispiel. Ich entdeckte ihn erst relativ spät auf einer Australienreise vor über 20 Jahren. Als wir per Boot zurück von einem Schnorchelausflug zum Great Barrier Reef in den Sonnenuntergang fuhren, schluchzte ich hemmungslos, weil Garp eben gestorben war. Kaufte dann nach und nach all seine Bücher, alles, was er je geschrieben hat.

Ein Germanistik-/Anglistikstudium vergällte mir dann für ein paar Jahre die Lust am Lesen. Das Zuviel-lesen-müssen war es nicht, eher das Auseinandernehmen, Analysieren, Einordnen. Jetzt Jahre später bin ich es wieder - lesesüchtig.

Zwei Niederländer gehören längst zu meinen absoluten Lieblingsautoren, beide publizieren in meinem absoluten Lieblingsverlag Diogenes: zum einen Leon de Winter (davon mehr im zweiten Teil dieser Serie), zum anderen Connie Palmen, die im August ihr neuestes Werk über die faszinierende Beziehung zwischen der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath und dem britischen "poet laureate" Ted Hughes veröffentlichte: "Du sagst es".


Foto: Annaleen Louwe / Diogenes

Entdeckt habe ich Connie Palmen, 1955 in Limburg geboren, durch ihr Erinnerungsbuch "I.M." über ihren Lebenspartner Ischa Meijer, ihre erste große Liebe, den sie nach nur vier Jahren durch einen plötzlichen Herztod verlor. Seichtes Leben und seichte Gefühle sind Connie Palmen fremd. Sie war durch ihren ersten Roman "Die Gesetze" (1991) plötzlich berühmt geworden und wurde dazu von dem Journalisten und Radiomoderator interviewt. Sieben Tage danach, so beginnt das Buch, schließt er seine Wohnung gerade ab, "als ich, von der Prinsengracht kommend, um die Ecke biege. Wir bleiben beide wie angewurzelt stehen und sehen einander an, ohne etwas zu sagen. Ohne jede Vorwarnung dehnt sich mein Schließmuskel, und ich mache mir in die Hose. Mir gegenüber spreizt er die Beine, faßt sich an den Hintern und ruft verdutzt aus, er habe sich in die Hose gekackt."

"Schriftsteller, Schauspieler, Entertainer, Tänzer, Dichter und Huren, sie alle begeben sich auf die unermeßliche Bühne, auf der das Gesetz des Als-ob regiert."

Connie Palmen (I.M.) 


Von diesem Zeitpunkt an sind die beiden unzertrennlich: die zarte intellektuelle Schriftstellerin und der viel ältere jüdische von einer schlimmen Jugend gezeichnete Lebemann - trotz seiner  gelegentlichen Seitensprünge. Sie unternehmen größere Reisen, vor allem in die USA, sie ist die stärkste Inspiration und Kritikerin seiner "Der-Dicke-Mann-Kolumnen", ach, das muss man selber lesen.

Schwer zu beschreiben, wie herzergreifend diese Geschichte und vor allem auch ihr Ende ist. Beim bestimmt vierten Mal Lesen, hat mich folgende Stelle sehr berührt: "Für mein Gefühl wird Schauspielern, Autoren, Performern, ja, allen, die zu erkennen geben, daß sie sich auf die eine oder andere Weise offenbaren möchten, etwas zuviel Eitelkeit unterstellt. Meiner Meinung nach ist der Ursprung diese Bestrebens - und Talents - nahezu das Gegenteil von Eitelkeit: Es ist das zu Recht oder zu Unrecht empfundene Unvermögen, sich in Alltäglichem zu offenbaren. Dieses vermeintliche Unvermögen kann nur eine Folge mißglückter, unverstandener oder verkannter Botschaften sein, und am grausamsten ist es, wenn die Botschaft Liebe bestritten wird. Wenn der Liebe, aus der heraus man gehandelt hat, zuwenig Glauben geschenkt wurde.
Schriftsteller, Schauspieler, Entertainer, Tänzer, Dichter und Huren, sie alle begeben sich auf die unermeßliche Bühne, auf der das Gesetz des Als-ob regiert. Sie tun das, weil nur das Als-ob ihnen die Möglichkeit bietet, die Wahrheit zu sagen. Auf der Bühne der Fiktion ist die Enthüllung der Wahrheit nicht bedrohlich oder enttäuschend, denn Fiktion macht den Schriftsteller und den Schauspieler, gerade weil sie den Wahrheitsanspruch fallengelassen haben, unangreifbar."

"In einer Liebe kann man nie nur einem die Schuld geben."

Connie Palmen


Und so sind alle ihre Bücher, heute neun insgesamt: lebendig, philosophisch und voller Liebe zum Leben und den Menschen. Auf ihr neuestes Werk "Du sagst es" war ich wieder einmal besonders gespannt, da mich die tragische Liebes- und Ehegeschichte von Sylvia Plath und Ted Hughes schon lange fasziniert hat und ich bereits einige Monografien über die beiden gelesen hatte.

Connie Palmen lässt dabei Ted Hughes aus seiner Sicht erzählen: von der ersten Begegnung in Cambridge bis zum Selbstmord Sylvia Plaths an einem eiskalten Februarmorgen in London 1963: "Hinter einer Fassade umwerfender Fröhlichkeit verbarg sich ein scheuer Hase mit einer Seele aus Glas, ein Kind voller Ängste, voll alptraumhafter Bilder von Amputationen, Eingesperrtsein, Stromstößen. Und ich - der verliebte Schamane - betete das zerbrechliche Mädchen an, ihr wahres Selbst, wollte tun, was die Liebe vom Liebenden verlangt: ihr Konterfei zertrümmern wie ein zärtlicherIkonoklast. Weil ich sie liebte, war es an mir, sie als Frau und Schriftstellerin aus der unechten Schale zu pellen, sie dazu zu bewegen, dass sie ihre eigene Stimme zu Gehör brachte."

Die schwer depressive Sylvia Plath wurde durch ihren Suizid - ein erster Versuch im Alter von 17 Jahren war misslungen - zu einer Ikone der Frauenbewegung, Ted Hughes, der sie eine paar Monate zuvor für eine andere verlassen hatte, zu ihrem "Mörder". Bis kurz vor seinem Tod - und dann auch nur in einem Gedichtzyklus - hat er sich nie in der Öffentlichkeit dazu geäußert. Connie Palmen gibt ihm mit ihrem Roman eine Stimme, und das ist spannend, kenntnisreich und bildhaft erzählt. Seine Geliebte, Assia Wevill, im Buch eine "exotische Königin der Nacht", steckte übrigens vier Jahre nach Sylvia Plath ebenfalls ihren Kopf in den Gasherd, tötete ihre vierjährige Tochter aber ebenfalls. Erst 2006 erschien ein Buch über ihr tragisches Leben.
Ted Hughes und Sylvia Plaths Kinder Frieda und Nicholas überlebten in einem Nebenzimmer. Nicholas verübte 2009 in seinem Haus in Alaska Selbstmord.

So, ich hoffe, das hat Appetit gemacht, ich habe das Buch verschlungen...

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